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Jasmin Räbsamen

Jasmin Räbsamen

von Geburt an Spaltung des Gaumens

„Noch heute, im Alter von 26 Jahren, treffe ich immer wieder auf erwachsene Leute, die mich fragen, was ich denn habe. Die Antwort ist zwar recht simpel, und doch trage ich sie seit ich denken kann mit mir herum wie eine Last. Eine Last, mitten im Gesicht. Ich wurde am 19. Oktober 1988 in Schlieren, Zürich geboren. Noch im Mutterleib haben Teile meines Gesichtes aufgehört zu wachsen, weswegen ich mit einer Missbildung der Nase, Oberlippe, Oberkiefer und einer Spaltung des gesamten Gaumens zur Welt kam.

 

Früher nannte man es „Hasenscharte“ (Spaltung der Oberlippe und des Oberkiefers) oder „Wolfsrachen“ (Spaltung des harten und weichen Gaumens). Beides sind ziemlich beleidigende Worte, die mittlerweile als politisch inkorrekt gelten. Die Bezeichnung Hasenscharte kommt daher, dass wegen der Fehlbildung des Oberkiefers die Schneidezähne oftmals eine Stellung erhalten, die sie den Zähnen eines Nagetiers ähneln lässt.

 

Es gibt einige Gründe für die Missbildung, die in zwei Dritteln der Fälle Jungs betrifft: Sauerstoff- oder Vitaminmangel in der Schwangerschaft, Rauchen, Alkohol, Folsäure… Bei mir ist es genetisch bedingt, ein Grossonkel väterlicherseits hatte es auch. Damals waren die medizinischen Bedingungen noch nicht so gut, weswegen der kleine Junge noch im Säuglingsalter starb. Wenn der Gaumen gespalten ist, kann ein Baby seine Nahrung nicht effektiv aufnehmen und verhungert dann kläglich. Heutzutage ist fast alles möglich.

Als Baby bekam ich einen provisorischen, künstlichen Verschluss für den Gaumen, damit ich trinken konnte, ohne dass alles wieder zur Nase raus kam. Im Alter von etwa drei Monaten begannen die Operationen. Derer hatte ich insgesamt neun. Gaumen- und Lippenverschlüsse, Nasenkorrekturen, Kieferoperationen, mehr an der Nase, eine am Kinn, nochmal die Oberlippe… Dies alles im Laufe von knapp 20 Jahren. Dazwischen hatte ich lange Zeit keinen Nasensteg (Septum), meine Nasenspitze war einfach nach unten genäht worden und so hatte ich sehr schnell den Spitznamen „Plattnase“ weg. Ich wurde bis etwa zur sechsten Klasse stark gehänselt. Es war sehr schwer für mich, zu akzeptieren, dass Leute nichts mit mir zu tun haben wollten, nur weil ich aussah, wie ich eben aussah. Zwar hatte ich immer ein paar gute Freunde, aber die Tatsache, dass ich „anders“ war, nagte lange an mir.

 

Es gab eine Zeit (da war ich ein Teenager), da habe ich Fragen wie „Was hast du denn da gemacht?“ damit beantwortet, dass ich einen Unfall gehabt hätte. Ironischerweise hörten dann die Fragen schnell auf und ich hatte meine Ruhe. Ich verleugnete meine Missbildung, weil ich der immer gleichen Fragen und Blicke müde war. Die Partnersuche stellte sich als sehr schwierig heraus. Ich hatte das Gefühl, alle würden mich vorverurteilen und ich wäre hässlich und somit auch nicht liebenswert. Mein eigener Vater sagte einmal zu mir, dass sie mich mit meinem Gesicht nicht einmal in der Migros an der Kasse arbeiten lassen würden. Völlig öffentlichkeitsuntauglich. In Chatrooms im Internet lernte ich schnell Leute kennen, weil ich mich ihnen öffnen konnte. Weil sie mich nicht sahen. Nicht erkennen konnten, wie hässlich ich war. Doch als es dann zu Treffen kam, wurde ich Mal um Mal herbe enttäuscht. „Du hast mich angelogen, du hast mir nicht gesagt, dass du SO aussiehst. Es stört mich, wie du aussiehst, deine Oberlippe stört mich.“ Ungelogen. Diese Zeit hat mich sehr zynisch werden lassen. Wenn jemand sagte, man sehe meine Narben ja gar nicht, konnte ich bloss schnauben und die Schultern zucken. Ich konnte keine Komplimente annehmen und mich nicht an mir selbst erfreuen.

 

Später habe ich eine Community gefunden, in der ich mich wohl fühlte und in der ich mich bis heute eingenistet habe. Mein jetztiger Freundeskreis besteht zu grössten Teilen noch immer aus ebendiesen Leuten, die ich vor zehn Jahren kennengelernt habe. Sie halfen mir – auch wenn sie es vielleicht nicht bewusst taten – zu mir selbst zu finden, mich zu akzeptieren und zu lieben. Mut zu fassen. Ich fand Hobbies wie Fotographie, nahm am Leben wieder fröhlich teil, fand Liebe. Konnte Liebe annehmen.

 

Natürlich weiss ich heute, dass die Aussage meines Vaters Quatsch war. Natürlich bin ich öffentlichkeitstauglich. Derzeit mache ich eine Ausbildung zur Kauffrau mit BMS und sehe mich danach im Personalwesen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Gesichtssituation.

 

Jasmin Räbsamen.“