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Kim Wespi

Kim Wespi

Trisomie 21

“ Als meine Tochter Kim 2004 zur Welt kam, wurde ich unvorbereitet mit der Diagnose Trisomie 21 konfrontiert. Ich wusste nicht viel über diese Behinderung. In der Fachliteratur stand nicht gerade das drin, was ich als frisch gebackene Mutter lesen wollte. Von vielen medizinischen Problemen war da die Rede, von Dingen, die Menschen mit Trisomie 21nie würden lernen können, wie Lesen, Schreiben oder Rad fahren. Sehr bald schlug ich diese Bücher zu, räumte sie weg und damit auch meine dunklen Gedanken. Kim hat sich zu einer hübschen jungen Lady entwickelt. Medizinische Probleme hat sie keine. Sie hat mir gezeigt, dass sie ganz viel lernen will und kann. Sie ist in der 2. Klasse einer Regelschule integriert, kann sich gut verständigen, sehr gut lesen, einigermassen schreiben und ist eine ausgezeichnete Schwimmerin. Sie ist auf dem besten Weg in ein eigenständiges Leben.

 

Bei Gesprächen stelle ich fest, dass das Wissen über Menschen mit Down Syndrom in der Gesellschaft nicht gross ist und immer noch viele Klischees vorhanden sind. Von Sonnenscheinkindern ist da die Rede. Immer lieb, immer fröhlich sollen sie sein. Oder das genaue Gegenteil: stur, bockig und aggressiv. Auch körperliche Merkmale wie klein, dick, heraushängende Zunge, sind in den Köpfen der Leute drin. Kann man Menschen mit einer Trisomie 21 wirklich in eine Schublade stecken? Nein – kann man nicht! Jeder Mensch ist anders, auch jeder Mensch mit Down Syndrom. Jeder hat seine eigene Persönlichkeit, seinen eigenen Charakter, sein eigenes Aussehen.

Ich setze mich überzeugt für die Inklusion von Menschen mit Behinderung ein. Inklusion beginnt nicht erst in der Schule und soll auch nicht nur dort stattfinden. Inklusion beginnt bereits zu Hause in der Familie, im Wohnquartier, im Sportverein; einfach überall, wo Menschen sind. Ich finde es wichtig, dass Menschen mit Behinderung sichtbar sind, dass sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

 

Bei Kindern stelle ich eine grosse Akzeptanz fest. Für sie ist selbstverständlich, dass Kim dazu gehört. Sie lernen, dass es normal ist, verschieden zu sein. Manchmal stellen sie Fragen, die ich immer gerne beantworte. Von den Erwachsenen wünsche ich mir, dass sie meine Tochter direkt ansprechen, dass sie sie ernst nehmen. Viele wenden sich an mich – stellen Fragen, die Kim sehr gut selbst beantworten kann. Niemand soll Hemmungen haben, einen Menschen mit Behinderung anzusprechen, auch nicht jemanden mit einer geistigen Behinderung.

 

Es ist Zeit, dass die Gesellschaft lernt, mit Verschiedenartigkeit umzugehen. Ich wünsche mir eine Welt, wo man Menschen mit Behinderung mit Toleranz und Akzeptanz begegnet und ihnen die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht. Sie haben ein Recht dazu. Niemand soll ausgegrenzt werden, denn was ist schon normal? Wer ist schon perfekt?


Brigitte Wespi, Mutter von Kim“