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Philipp Danzeisen

Philipp Danzeisen

Glaucoma und Photophobie

Mir wäre schon gedient, wenn Hollywood darauf verzichten würde, Piratenfilme zu produzieren. Ich bin kein Pirat. Wir bevorzugen den Ausdruck „maritimer Unternehmer im Akquise-Management“. Nein, im Ernst. Dass in der allgemeinen Wahrnehmung eine Augenklappe mit dem Fluch der Karibik verbunden wird stellt eigentlich kein Problem dar. Auch wenn kleine Kinder mit grossen Augen auf mich deuten und ihre Eltern darauf hinweisen, dass dort ein Pirat läuft – sowas ist nicht peinlich, sowas stört mich nicht. Kinder lieben offenbar Piraten, wenn ich also so ein wenig zu ihrer Erheiterung beitragen kann? Seltsam, liebe Eltern, ist nur, wie beschämt und hastig gewisse von euch in diesen Situationen ihre Kinder wegziehen und etwas zischen von wegen ’sowas sagt man nicht, der Mann ist kein Pirat sondern einfach nur verwundet‘: Ich verstehe, dass Kinder nicht mit den Fingern auf Leute zeigen, gewisse Werte wie Mitleid, Verständnis und dergleichen entwickeln sollen. Ich verstehe nur nicht ganz, warum ihr nicht möchtet, dass ich mitbekomme, wie ein Kind sich darüber freut, einen Piraten zu sehen.

 

Genug der Scherze. Mir ist bewusst, dass ich hier nur des Schweizers Lieblingsbeschäftigung nachgehe: Jammern auf hohem Niveau. Im Vergleich zu anderen Teilnehmern dieses Projektes bin ich quasi kerngesund, voll einsatz- und arbeitsfähig. Ich leide lediglich an einer erblich bedingten Kombination aus Grünem Star und Lichtscheu. Auf dem linken Auge sehe ich nichts mehr, helles Licht wie beispielsweise die Sonne oder gut ausgeleuchtete Räume bereiten mir

Schmerzen auf der Haut, zu viel Zeit in der prallen Sonne führt zu Rissen in der Haut. Die Augenklappe trage ich nicht, weil hinter ihr ein ausgefranstes Loch gähnt oder andere deutlich sichtbare Krankheitssymptome; die Augenklappe dient nur dazu, das Licht von meinem linken Auge fernzuhalten und Schmerzen zu vermeiden. Hinter dem schwarzen Stoff und dem Karton ist nur ein Auge, das sich rein äusserlich nicht von einem gesunden Exemplar unterscheidet, wenn man es nicht gerade bei starkem Licht betrachtet. Das macht die Situation für mich manchmal seltsam: Rein optisch beziehungsweise rein äusserlich bin ich ein gesunder Mann, der ein vorhandenes Auge mit einer Augenklappe bedeckt. Verglichen mit den Erwartungen, die man manchmal an Leute stellt, die sich mit Utensilien wie einer Augenklappe klar als physisch beeinträchtigt deklarieren, ist das nichts.

Sehr zu meinem Glück kann ich generell behaupten, im Verlauf meines Lebens verhältnismässig wenig an meinen Erbkrankheiten gelitten zu haben, beziehungsweise mich gut arrangiert zu haben. Als Finanzberater habe ich glücklicherweise einen Beruf, bei dem ich nicht auf Dinge wie Tiefenschärfe oder ein volles Gesichtsfeld angewiesen bin. Allzu helles Licht bereitet mir seit ich mich erinnern kann Schmerzen, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran, dass die meisten Leute das Sonnenlicht mögen: Soziales, gerne Zeit mit anderen Menschen verbringendes Wesen das ich bin stehe ich als lichtscheue Minderheit vor der einfachen Wahl, die Schmerzen im Licht in Kauf zu nehmen oder mich sozial zu isolieren. Mag ich auch manchmal dank der Helligkeit Blutflecken hinterlassen, Langeweile und ein Leben als Einsiedler erschienen mir bisher stets als weitaus schlimmer.