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Sabine Reinhard

Sabine Reinhard

„Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, falle ich auf. Zum einen als hochgewachsene Frau, die sich gerne bunt ankleidet. Und zum anderen weil ich einen schwankenden Gang habe, auf den Boden starre und auf Geräusche oder Winken nicht reagiere. «Was ist denn das für eine?! Ist die betrunken?» fragen sich manche wohl.
Meiner angeborenen Hör- und Sehbehinderung (Usher-Syndrom) wegen bin ich gehörlos, mein Sehvermögen ist auf einen tunnelartigen Ausschnitt beschränkt und mein Gleichgewichtssinn fehlt. Selbst ebener Boden wirkt auf mich wie eine Gummimatte und mit meinem Röhrenblick muss ich stets den Boden «scannen», damit ich nicht stolpere und hinfalle. Regelmässig stosse ich mich irgendwo an und ein paar blaue Flecken begleiten mich stets. Bedingt durch die fortschreitende Retinitis Pigmentosa (RP) nimmt mein Sehvermögen im Laufe der Zeit ab und ich musste bereits Abschied nehmen von Gewohnheiten wie dem Lesen normaler Schriftgrössen ohne Hilfsmitteln oder stressfreien Abendspaziergängen ohne starke Taschenlampen. Inzwischen bin ich auf visuelle Hilfsmittel angewiesen und stark Nachtblind. Wenn es zu wenig Licht hat, nehme ich meine Umgebung nicht mehr wahr.

 

Manchmal werde ich angesprochen, was jedoch öfters zu Irritationen führt oder gar bösen Blicken, weil ich nicht reagiere und für arrogant gehalten werde. Das tut mir jeweils besonders leid für die Leute, denn Arroganz kann ich selber kaum ausstehen. Ich nehme nicht alle Menschen um mich herum wahr und kann sie

weder hören noch in den meisten Fällen verstehen. So übersehe ich ausgestreckte Hände, die mich freundlich grüssen möchten oder verpasse Komplimente, wenn ich eines meiner Lieblingskleider angezogen habe.
Ich bin gehörlos geboren und bin auf das Ablesen von den Lippen angewiesen, wenn ich gesprochene Sprache verstehen möchte. Meine bevorzugte Ausdrucksform ist jedoch die Gebärdensprache. Das geht jetzt so lange gut, als dass mein Sehvermögen ausreicht für das Lippenlesen und Verfolgen der Gebärden. Meine Zukunft ist ungewiss, da man den genauen Verlauf meiner RP nicht eindeutig einschätzen kann. Werde ich taubblind? Das steht in den Sternen. Was zählt, ist die Gegenwart. Meine Gehörlosigkeit und meine Sehbehinderung begleiten mich schon seit ich ein kleines Kind war. Meine Familie und Freunde nehmen mich als einen positiven und dankbaren Menschen wahr. Wieso sollte es denn anders sein? Ich lebe gerne und mein Mut und meine Zuversicht lässt mich meinen beschwerlichen Alltag bewältigen ohne darüber frustriert zu sein. Das gelingt mir aber nicht immer; auch ich erlebe Hochs und Tiefs die gleichwohl für alle zum Leben gehören.
Abwechslung und Herausforderungen ziehen mich an. Ich reise gerne und ergreife die Gelegenheit, mich auf andere Welten einzulassen. Sei es auf ausgedehnten Reisen in Südamerika oder beim Abschliessen des Tauchbrevets im roten Meer. Auch in Sachen Bewegung halte ich mich nicht zurück. Sei es schlicht entspanntes Wandern draussen in der Natur mit Wanderstöcken oder das Snowboarden, bei welchem ich mir prompt während meiner ersten Versuche den Arm brach. Unter den schnellen Sportarten ist mir das Skifahren geblieben, das ich in Begleitung weiterhin geniessen kann.
17 Jahre lang war ich arbeitstätig und mochte meine Arbeit in der Buchhaltung oder meine Einsätze als Gebärdensprach- Lehrerin sehr. Als 2012 meine erste Tochter auf die Welt kam, fiel es mir schwer mich aufgrund der zunehmenden Überforderung aus dem Arbeitsleben zurück zu ziehen. Inzwischen ist mein Leben von meiner Familie und dem Führen unseres Haushalts erfüllt. Meine beiden Töchter werden dieses Jahr 5 und 3 Jahre alt und der Alltag mit ihnen und meinem Partner sind ein grosses Glück und Herausforderung zugleich. Auch das ist ein Abenteuer, auf das ich mich nun mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft eingelassen habe!
Von Menschen die mich gar nicht kennen – Fremde in der Stadt oder Bahn – wünschte ich mir, dass sie sich nicht zu sehr auf ihre Wahrnehmung verlassen. Statt mich als arrogant oder betrunken zu taxieren, kann man versuchen mit mir zu kommunizieren. Von Menschen die mich besser kennen oder nahe stehen wünsche ich mir, dass sie mich weiterhin leben lassen und es mir auch zugestehen, dass ich Fehler machen oder als Mutter überfordert sein darf, ohne dass es gleich heisst «Sabine du musst niemandem etwas beweisen». Und nicht zuletzt wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass meine Kinder einst stolz sind auf ihr Mami und sich nicht deswegen zu schämen brauchen.“